Und wo bleibt denn die Geduld
Vom Geheimnis des geistlichen Wachstums
Liebe Gemeinde,
Geduldig sind wir nicht. Geduld haben wir alle keine. Es geht uns alles über die Hutschnur. Wir haben keine Geduld mit uns selbst. Wir haben keine Geduld mit den anderen. Wir können nicht warten, bis sich etwas entwickelt hat, bis etwas gewachsen ist, bis etwas reif geworden ist.
Ungeduldig und mit klopfendem Herzen jagen wir durch den Terminkalender – so wie der berühmte Bauer in Sung. Wie ein Wilder rast er durch sein Gehöft. Kaum hat er die Saat auf seinem Feld ausgestreut, da steht er immer wieder am Ackerrand und sucht nach dem Grün. Als er die ersten Spitzen ausmacht, hilft er dem Korn wachsen, indem er Halm für Halm aus der Erde zieht.
„Das Korn fiel um, der Mann war dumm, in jedem Haus lacht man ihn aus“, so wird seitdem von dem chinesischen Bauern gesungen.
Jesus setzt mit seiner Geschichte von der selbst wachsenden Saat einen Kontrapunkt zu dem, was bei unsereins normal ist. Jesus macht deutlich, dass alles, was sich am Ende sehen lassen kann, zuvor gewachsen ist. Nicht der Aktivismus und Einsatz des Menschen ist dabei das Entscheidende, sondern das, was Gott im Verborgenen gedeihen lässt. Jesus spricht vom Geheimnis des geistlichen Wachstums.
Wir wollen uns jetzt die einzelnen Szenen in dem Gleichnis, das Jesus erzählt, etwas näher ansehen.
1. Der Landwirt
„Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag.“
Mit dem „Mensch“, der den Samen aufs Land wirft, ist jeder gemeint, der zu Jesus gehört. Jeder Gläubige hat den Auftrag, die frohe Botschaft von Jesus Christus weiterzusagen. Das Stichwort „Land“ beschreibt die Leute, die mit dem Evangelium erreicht werden.
Dabei sollen wir gar nicht sparsam oder zurückhaltend mit der Verkündigung von Gottes Wort verfahren.
Jesus sagt: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“ (Matthäus 10,27)
Jesus möchte, dass das fromme Evangelium in die gottlose Welt hineinposaunt wird. Und bei seiner Abschiedsrede vor der Gemeinde Ephesus sagt Paulus im Rückblick:
„Ich habe euch nichts vorenthalten, was nützlich ist, dass ich's euch nicht verkündigt und gelehrt hätte, öffentlich und in den Häusern.“ (Apostelgeschichte 20,20)
Paulus möchte, dass nicht das verwässerte und ausgedünnte Evangelium, sondern das konzentrierte und vollwertige Evangelium unter die Leute kommt.
Und wie geht es dann weiter, nachdem das Evangelium verkündigt wurde?
Jesus erzählt vom Bauern im Gleichnis: „Er schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - und er weiß nicht wie.“
„Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“, kann man da nur sagen. Ausstreuen soll der Landwirt den Samen. Aber danach kann er nicht mehr viel dazutun. Er überlässt die Saat sich selbst und dem Geist Gottes. Er geht weg, füttert seine Tiere im Stall, melkt seine Kühe, repariert seine Maschinen, kauft in der Stadt ein und stellt seine Anträge. „Er schläft und steht auf, Nacht und Tag.“
Den Samen des Wortes ausstreuen, das ist unsere Aufgabe. Das Wort „ballo“, das hier verwendet wird, beschreibt sogar ein unachtsames Hinwerfen oder Hinschleudern der Samenkörner. Um die Wirkung des Wortes Gottes brauchen wir uns keine Gedanken zu machen. Ob der Same aufgeht oder nicht, das können wir nicht beeinflussen.
Ob da was anfängt zu wachsen oder nicht, steht nicht in unserer Macht. Wir können keinen Heiden bekehren und wir können auch keinem Christen einen geistlichen Wachstumsschub beibringen. Das alles muss ein andrer tun, das alles ist Gottes Sache. Das zu sehen ist einerseits sehr ernüchternd, andererseits aber auch sehr befreiend und entlastend.
Wir machen uns viele Gedanken, wie hier in Hohenhaslach das Evangelium unter die Leute kommt. Das Konzert am vergangenen Donnerstag mit Mike Müllerbauer war eine Saataktion des CVJM’s im Rahmen des 100 jährigen Jubiläums. Der Emmauskurs im Mai ist ebenfalls eine unserer geistlichen Pflanzaktionen.
Manche werden vielleicht einwenden: „Hohenhaslach ist ein harter Boden. Wir haben schon so viel evangelisiert. Wir glauben nicht, dass da viel dabei herauskommt.“
Wir entgegnen: „Es ist nicht unsere Aufgabe, uns über die Bodenbeschaffenheiten Hohenhaslachs Gedanken zu machen, sondern den Samen des Wortes Gottes auszustreuen.“
Andere werden sagen: „Die Leute können doch sonntags in die Kirche kommen. Da hören sie doch alles.“
Wir antworten: „Ja, das können sie. Aber was ist, wenn sie nicht kommen? Das Land, das wir zu bestellen haben, ist doch größer als die 250 Leute, die sonntags in den Gottesdienst gehen.“
So wie der Landwirt das Saatgut im Frühjahr ausstreut und es dann sich selbst überlässt, ist es unsere Aufgabe, das Wort Gottes unter die Leute zu bringen. Was sich daraus entwickelt, ist nicht unsere Verantwortung.
2. Der Same
„Und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht wie.“
Der Same, der durch die Mitarbeiter Jesu ausgestreut werden soll, ist das Wort Gottes.
Im Samen des Wort Gottes, wie er sich in der Saatgutkiste der Bibel findet, ist eine außerordentliche Kraft verborgen. In Jeremia 23,29 beschreibt Gott selbst diese Kraft: „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“ Die Wirkung von Gottes Wort gleicht Feuer, das eiskalte und coole Herzen in Brand setzt. Es ist wie ein Presslufthammer, der knallharte Betonköpfe aufbricht.
In einem einzigen Samenkorn ist ja schon alles perfekt angelegt. Wie auf der Festplatte eines Minicomputers sind die Informationen für den Bauplan der ganzen Pflanze schon vorhanden. Was bereits im Samenkorn angelegt ist, muss sich dann nur noch wachstümlich entfalten.
Mit dem Saatgut des Wortes Gottes ist es dasselbe. Auch hier ist schon alles keimhaft vorhanden, was sich später im geistlichen Leben der Gläubigen entfalten soll.
Petrus sagt: „Ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt.“ (1. Petrus 1,23)
Dieser Keim des Wortes Gottes fällt nun überall dort auf fruchtbaren Boden, wo es bereitwillig aufgenommen wird. Danach entfaltet sich seine wunderbare Kraft. Im Geist des wiedergeborenen Menschen wächst heran, was bereits im Samenkorn des Wortes Gottes vorprogrammiert ist. Es entwickelt sich die Wesensart Jesu in ihm.
Wenn nun aber das Wort Gottes eine so elementare Bedeutung für das geistliche Leben hat, dann hat das Konsequenzen.
Die erste Konsequenz: Das Wort Gottes darf nicht im Getreidespeicher der Gemeinde auf Vorrat gelegt werden. Wir müssen das Wort Gottes zur Sprache bringen. Wir müssen alles tun, damit das Wort Gottes zu Gehör gebracht wird und so seine Kraft entfalten kann.
Die zweite Konsequenz: Wir müssen Gottes Wort vertrauen und dann wirklich alles von der Wirkung des Wortes Gottes erwarten. Ein nettes Gespräch kann eine vertrauensbildende Maßnahme sein. Aber zum Glauben kommt dadurch niemand. Nur durch das Wort Gottes kommen Menschen zum Glauben. Gute Taten können eine unterstützende Wirkung haben. Aber zum Glauben kommt dadurch niemand. Nur durch das Wort Gottes kommen Menschen zum Glauben.
Vorprogramme bei missionarischen Veranstaltungen können eine hinführende Bedeutung haben. Aber zum Glauben kommt dadurch niemand. Nur durch das Wort Gottes kommen Menschen zum Glauben.
Der Same des Wortes Gottes ist hochwirksam. Es bleibt nicht ohne Wirkung. Wir müssen in allem ganz fest auf diese Wirkung von Gottes Wort setzen.
3. Die Frucht
„Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.“
„Von selbst bringt die Erde Frucht“, sagt Jesus.
Hier steht im Griechischen das Wort „automatä“. Ganz automatisch, ohne jedes Zutun entsteht Frucht.
Nun, wenn das wirklich so ist, dass Gott im geistlichen Leben das Entscheidende tut, müsste sich dann bei mir und auch in vielen Bereichen unserer Gemeinde nicht vieles ändern? Dann müssten wir doch viel mehr Wert auf die Gemeinschaft mit Gott legen. Dann müssten wir uns doch viel mehr Zeit für das Bibellesen und für das Gebet nehmen.
Sag mir, wie viel Zeit du täglich für das Bibellesen und das Gebet verwendest und ich sage dir, wie viel du von dem hältst, was du selbst tun kannst und wie viel du von dem hältst, was Gott tun kann.
Der Theologe Helmut Thielicke schreibt in diesem Zusammenhang: „Jesu gewaltige Rede rührt daher, dass er ein gewaltiger Beter ist, und - er kann es sich eben leisten, gewaltig zu beten und die besten Stunden des Tages an die Aussprache mit dem Vater zu setzen, weil er weiß: Während ich in der Ewigkeit ruhe, geschieht nicht nichts, sondern da gebe ich gerade dem Geiste Gottes Raum, da arbeitet Gott, da geht der Same auf. Wehe der Nervosität der Kleingläubigen, wehe dem Sorgengeist und der Umtriebigkeit der Gebetslosen.“
Luther hat diesen Zusammenhang auf seine Weise ganz nüchtern erkannt. Er hat gesagt: „Während ich mein gut Wittenbergisch Bier trinke, geht das Evangelium wie ein Platzregen über die Erde.“
Die Bekehrung des Menschen ist nicht machbar. Das neue Leben kann nur dadurch entstehen und dann heranwachsen, dass man Gott wirken lässt. Darum kann Luther getrost nach der Predigt von der Kanzel heruntersteigen. Und dann sagen: „Ich habe nichts gemacht, ich habe das Wort handeln lassen.“
Und dann wird beschrieben, wie die Frucht entsteht: „Zuerst der Halm, danach die Ähre, danach der volle Weizen in der Ähre.“
Das Heranwachsen und Reifen des Weizenkorns bis zur vollen Ähre braucht Zeit. Und was Zeit braucht, erfordert Geduld. Der Bauer, der den Samen ausgestreut hat, kann jetzt nicht mehr viel tun. Er muss warten.
Wir könnten auch an das Wachstum eines Kindes denken. Wie viel Geduld brauchen Eltern mit ihren Kindern bis sie erwachsen sind. Das fängt an mit der Frage: Wann kann das Kind laufen? Dann kommen die Frage: Wann wird der Kleine endlich trocken? Dann kommt er in die Schule und es fragt sich: Wann kann er den endlich lesen und schreiben? Dann die Pubertät. Wann ist die denn endlich vorbei? Und dann: Wird er den Schulabschluss schaffen? Schließlich drängt sich die Frage nach dem Beruf, nach einem Ausbildungsplatz und nach dem Ehepartner auf.
Ebenso brauchen wir viel Geduld für die Entwicklung des geistlichen Lebens. Ihr, die ihr schon lange gläubig seid, seid doch barmherzig mit denen, die noch jung an Jahren oder jung im Glauben sind. Am Anfang sind noch viele Fragen da. Es muss doch noch nicht gleich alles so geordnet, korrekt und ausgeglichen sein. Und ihr, die ihr noch nicht so lange gläubig seid, lasst euch doch auch was sagen von denen, die schon viele Erfahrungen im Glauben gemacht haben. Reagiert nicht so empfindlich, wenn diese Leute euch etwas grob oder ungeschickt anpacken.
Manchen Menschen muss man Zeit lassen. Wenn sie jetzt bestimmte geistliche Wahrheiten noch nicht erkannt haben, dann werden sie das vielleicht in einiger Zeit erkennen.
Manches keimt und wächst im Verborgenen, noch bevor wir es überhaupt erkennen können.
Wir dürfen uns nicht so sehr aufhalten an den kümmerlichen Pflänzchen in der Gemeinde, bei denen das Wachstum anscheinend stagniert, sondern sollten uns freuen über die kleinen Anfänge und das stete Wachstum, das sichtbar wird.
Die Frucht des Glaubens wächst von selbst und dieses Wachstum erfordert Zeit und braucht Geduld.
4. Die Ernte
„Wenn (die Erde) aber die Frucht gebracht hat, so schickt (der Bauer) alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.“
Die Ernte im Gleichnis, das Jesus erzählt, zeigt das Ergebnis des Wachstums. Wenn Jesus wiederkommt, beginnt diese Ernte. Ein Ernteruf aus der alten Zeit hieß: „Greift zur Sichel, denn die Ernte ist reif!“ (Joel 4,13)
Ernte ist immer mit großer Freude verbunden!
Vor dem Thron Gottes wird es einmal ein herrliches Erntedankfest geben. Dann wird für alle sichtbar werden, was Gott wachsen ließ. Gottes Reich kann beginnen.
Wir dürfen sicher sein, dass Jesus ein Ergebnis haben wird, wenn er wiederkommt. Das was wir in seinem Auftrag tun, ist nicht vergeblich. Aus dieser Gewissheit kommt eine große Gelassenheit.
Paulus sagt: „Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.“ (1. Korinther 15,58)
Die Ernte kommt. Am Ende ist das Feld reif zur Ernte. Das Ergebnis des Wachstums wird sich zeigen.
Zum Schluss noch einmal Thielicke: „Es ist ein unsagbarer Trost, zu wissen, dass mitten in der Unheilsgeschichte, die der Mensch macht, dass mitten in seinem Planen und Sich-Verspekulieren, dass mitten in seinem Gestalten und Verunstalten, dass mitten in seinem Aktivismus und in seinem Scheitern noch der Strom eines ganz anderen Geschehens eingelassen ist, dass Gott seine Saaten wachsen lässt und bei seinen Zielen ankommt.“
Amen
Erstellt vor etwa ein Jahr