Gelitten unter Ponitus Pilatus
„Gelitten unter Pontius Pilatus“. Mehr wird über das Leben von Jesus in unserem Glaubensbekenntnis nicht gesagt. Leben, damit meine ich jetzt die Zeit zwischen seiner Geburt und seiner Kreuzigung. Da heißt es: „Geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt.“ Das ganze Leben wird reduziert auf diesen einen Punkt: „Gelitten unter Pontius Pilatus“.
Ist das denn nicht ein bisschen wenig? Gäbe es über Jesus nicht so viel mehr zu sagen? Dass er Kranke geheilt hat? Dass er Wunder getan hat? Dass er Menschen voller Liebe begegnet ist, wie sie sie nie erlebt hatten? Dass er reden konnte wie kein anderer? Dass die Leute ihm zu Tausenden nachgelaufen sind?
Jesus – das war doch so ein reiches, so ein außergewöhnliches, so ein besonderes Leben. Da gäbe es doch so viel Tolles und Schönes festzuhalten. Aber hier heißt es nur: „Gelitten unter Pontius Pilatus.“
Sehen Sie, unsere Glaubensbekenntnisse (es gibt ja mehrere unterschiedlich formulierte, auch etwas längere) wollen in möglichst kurzen Worten die wichtigsten Inhalte des christlichen Glaubens ausdrücken. Das ist so ähnlich wie beim Kochen – da kommt alles mögliche in die Pfanne, und dann wird das geköchelt und reduziert und am Schluss noch ausgesiebt, bis nur noch eine leckere Soße übrig ist, in der sich der ganze Geschmack konzentriert. So ähnlich wird hier all das Viele, was zu sagen wäre, reduziert, zusammengedampft, ausgesiebt, bis zum Schluss nur noch das übrig bleibt, in dem sich alles andere konzentriert.
Das Glaubensbekenntnis konzentriert sich auf die allerwichtigsten Aussagen. Das heißt aber auch, dass hier jeder Satz, ja: jedes Wort Gewicht hat. Da steht nichts Nebensächliches und schon gar nichts Unnötiges mit drin.
Und deshalb will ich heute – am Beginn der Passionszeit, in der es ja um das Leiden von Jesus gehen wird – mit Ihnen über diese vier Worte nachdenken: „Gelitten unter Pontius Pilatus!“
Ich beginne von hinten:
(1) Pontius Pilatus
Eigentlich war das nur ein mehr oder weniger unbedeutender kleiner Provinzstatthalter im großen Römischen Weltreich. Stünde der nicht im Glaubensbekenntnis, wäre er schon längst vergessen. Höchstens eine Handvoll Fachleute wüsste noch was über ihn. So aber ist der Mann bis heute weltberühmt.
Was soll das? Wie kommt der ins Glaubensbekenntnis? Es werden ja – außer Jesus – überhaupt nur zwei Menschen erwähnt: Maria, die Jungfrau, und dieser Pontius Pilatus. Hätte es da nicht noch andere gegeben? Petrus meinetwegen, oder Zachäus oder Johannes der Täufer? Warum Pontius Pilatus, der korrupte Beamte, der brutale Machtmensch, der verantwortungslose Provinzpolitiker?
Ich denke, dafür gibt es einen ganz einfachen Grund: Der taucht hier auf, weil damit das Leben von Jesus für alle Zeiten geschichtlich festgemacht wird. Weil klar gemacht wird: Jesus ist wirklich in die Geschichte der Menschheit eingegangen, zu einer ganz konkreten Zeit in einer ganz konkreten Situation an einem ganz konkreten Ort.
Konfirmanden und andere schlaue Menschen sagen mir manchmal: „Naja, das mit Jesus, das kann man ja nicht so genau wissen. Vielleicht hat sich das nur mal jemand ausgedacht und dann so aufgeschrieben. Ob's den wirklich gab?“
Und die gelehrten Theologen, allen voran die deutschen, haben im 20. Jahrhundert ausführlich zu erklären versucht, warum das für den Glauben ja gar nicht so wichtig ist, ob all die Berichte über Jesus wirklich im historischen Sinn wahr sind. Ob das also wirklich geschehen ist. Viel wichtiger sei doch die dahinter stehende Glaubensaussage. Sicher, es gebe da einen historischen Kern, es gab mal diesen Wander-Rabbi, aber vieles, was über ihn berichtet wurde, hätten sich eben Menschen später ausgedacht, um ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen.
Ich befürchte, viele Menschen in Deutschland haben diesen Theologen geglaubt – und das ist mit ein Grund, warum im 20. Jahrhundert unsere Kirchen immer leerer geworden sind. Weil's ja keinen Sinn macht, mein ganzes Leben und mein Sterben an etwas festzumachen, was doch höchst unsicher und fraglich ist.
Das Glaubensbekenntnis verweist auf Pontius Pilatus. Und hält damit in aller Kürze fest: 'Damals, zu dieser konkreten Zeit, ist das geschehen. Das ist historisch greifbar. Da ist Gott in Jesus in die Weltgeschichte eingegangen. Da ist Gott konkret geworden. Jesus ist keine fromme Erfindung, sondern eine historische Persönlichkeit. Dafür steht Pontius Pilatus. Schaut in die Akten, da findet ihr alles.'
Und tatsächlich finden sich – auch in Verbindung mit diesem Namen – eine ganze Reihe Berichte über das Leben und vor allem Leiden von Jesus. Nicht nur im Neuen Testament, sondern auch in römischen und jüdischen Chroniken, in antiken Briefwechseln, in den Berichten römischer Beamter und und und (Vgl. Roland Werner, Wendepunkt Kreuz; S.41ff ).
Es gibt kein Ereignis in der Antike, das annähernd so gut bezeugt wäre wie die Tatsache von Jesu Leben und Tod. (Nur ein Beispiel: Über Julius Cäsars berühmten gallischen Krieg gibt es 10 handschriftliche Quellen. Die älteste davon stammt aus dem Jahr 900 nach Christus – also ein knappes Jahrtausend nach diesem Krieg. Über die Berichte des Neuen Testamentes gibt es mehr als 14.000 (!) handschriftliche Quellen, die ältesten Fragmente davon aus dem frühen 2. Jahrhundert – also höchstens hundert Jahre später (Nicky Gumbel, Fragen an das Leben; S.31). Komischerweise kommt niemand auf die Idee zu sagen: Vielleicht hat Cäsar ja gar nicht Krieg in Gallien geführt und das haben sich nur einige Menschen später ausgedacht.)
Also: Pontius Pilatus – über den es einiges zu berichten gäbe, was ich mir jetzt aber verkneife, ich will ja nicht Pilatus predigen, sondern Jesus – steht dafür, dass Gott in Jesus Christus konkret geworden ist. Und zwar auch geschichtlich konkret, überprüfbar, greifbar. Deshalb ist dieser Name im Glaubensbekenntnis so wichtig.
(2) …unter…
Auch dieses Wort ist keine Nebensache. Nicht unwichtig. Da hätte ja auch stehen können: Gelitten zur Zeit des Pontius Pilatus. Oder: Gelitten durch Pontius Pilatus.
Aber hier steht: „Gelitten UNTER Pontius Pilatus.“
Und dieses „unter“ verrät uns etwas ganz Wichtiges über Jesus. Sehen Sie: Jesus ist der Sohn des lebendigen Gottes. Im Neuen Testament steht, dass durch ihn alle Dinge gemacht, geschaffen sind. Er lebt in der Herrlichkeit des himmlischen Vaters.
Jesus ist also über allem. Und über allen. Er steht drüber. Und eigentlich könnte er auch gut sagen: „Ach, was die Menschen da machen, da steh ich doch drüber. Wie die sich selbst zugrunde richten, da steh ich doch drüber. Wenn die in ihr Verderben rennen, da steh ich doch drüber. Sie haben ja Gottes Wort. Sie haben ja die Propheten. Sollen sie sich danach richten.“
Aber das Faszinierende ist: Jesus blieb nicht drüber. Er entäußerte sich seiner göttlichen Herrlichkeit, so steht's im Philipperbrief (2), und nahm Knechtsgestalt an. Ein Knecht steht nicht drüber, sondern der ist drunter.
Jesus begibt sich drunter. Als Schöpfer steht er über der Schöpfung. Aber er begibt sich unter ihre Rahmenbedingungen und wird von einer Frau geboren. Er hätte auch ganz anders zur Welt kommen können.
Jesus begibt sich drunter. Als souveräner Herrscher steht er über dem Gesetz. Aber er begibt sich unter das Gesetz (Galater 4,4) und sagt: das gilt auch für mich. Diesem Anspruch stelle ich mich.
Jesus begibt sich drunter. Als Lehrer hätte er Dienstleistungen von seinen Jüngern, seinen Schülern verlangen können. Aber er begibt sich drunter und wäscht ihnen die Füße – niedrigste Sklavenarbeit.
Jesus begibt sich drunter. Da gibt’s diese schöne Geschichte, wo er an den Jordan kommt, um sich von Johannes dem Täufer taufen zu lassen. Und der wehrt entsetzt ab: „Du solltest mich taufen! Aber doch nicht ich dich!“ Doch Jesus besteht darauf. Die Taufe symbolisiert ja – ich verkürze das jetzt – dass uns unsere Schuld abgewaschen wird. Aber – und das weiß Johannes genau – Jesus hat keine Schuld. Als einziger Mensch hat er keine Schuld. Dass er trotzdem getauft werden will, heißt: Er stellt sich unter unsere Schuld.
So sagt dann ja auch der Täufer über ihn: „Seht, das ist Gottes Lamm, das die Sünde der Welt trägt.“ (Johannes 1,29). Wenn er aber die Sünde der Welt trägt, dann begibt er sich unter diese Sünde. So wie er sich unter den Kreuzbalken begibt, den er nach Golgatha trägt. Das alles müsste er nicht. Das alles macht er freiwillig. In einem unserer Lieder sagt er: „Ja, Vater, ja, von Herzensgrund. Leg auf, ich will dir's tragen“. Er geht drunter, um zu tragen.
Jesus bleibt nicht drüber. Sondern er begibt sich drunter. Bis dahin, dass er sich unter unsere Schuld und Sünde begibt, unter unser Versagen, unter unsere Lieblosigkeiten, unter unseren Streit, unter unsere Tränen, unter unser Leid, unter unsere Verletzungen. Darunter zerbricht er. Das kostet ihn das Leben.
„Gelitten unter Pontius Pilatus.“ Schon. Aber auch: Gelitten unter Martin Hecker. Oder gelitten unter – setzen Sie da ruhig Ihren Namen ein. Gelitten unter mir und Ihnen.
Und damit bin ich beim letzten Wort:
(3) Gelitten
Jesus lebte rund 33 Jahre als Mensch. Über die ersten 30 Jahre wissen wir relativ wenig. Über die letzten drei Jahre schon sehr viel mehr. Aber am besten informiert sind wir über die Ereignisse rund um sein Leiden und Sterben. In den Evangelien, also in den biblischen Berichten über Jesus, nehmen diese Ereignisse ein Viertel bis ein Drittel des gesamten Textes ein. Grob gesagt: Über 33 Jahre wissen wir fast nichts – aber die letzten zwei Tage können wir beinahe Stunde für Stunde nachvollziehen.
Ganz klar: Das Wichtigste, was Matthäus, Markus und Co uns erzählen wollen, ist das Leiden und Sterben von Jesus. Und deshalb ist das nur folgerichtig, wenn im Glaubensbekenntnis eben nur noch das auftaucht: „Gelitten“.
Das war – nein: das ist – das Allerwichtigste im Leben von Jesus. Dass er gelitten hat. Bis in den Tod. Dazu ist er Mensch geworden. Um zu leiden. Um zu sterben.
Was ist so wichtig an diesem Leiden?
Da geht’s bittesehr nicht darum, dass ein besonders großer und guter Mensch leidet. Es haben auch andere große und gute Menschen gelitten.
Es geht auch nicht darum, dass dieses Leiden schlimmer wäre als alles andere Leiden. Das war fürchterlich und brutal, ohne Frage. Aber es gibt so viel anderes fürchterliches und brutales Leiden auf der Welt. Auch heute.
Es geht auch nicht darum, dass hier ein Unschuldiger hingerichtet wird. Das passiert leider auch dauernd – bis heute.
Nein: Es geht darum, dass hier Gott selbst leidet. Und stirbt. Es geht darum, dass der leidet und stirbt, der sich unter unsere Schuld und Sünde begeben hat. Der unter unsere Gottlosigkeit gegangen ist. Der unter all das gekrochen ist, was mich und Sie von Gott trennt und der das alles auf sich genommen hat.
Das ist das Entscheidende: Gott selbst leidet. Gott leidet unter uns. Und zugleich: Gott leidet für uns. Gott selbst kann uns so gut leiden, dass er für uns leidet. Obwohl er unter uns leidet.
Er schleppt alles, was er sich da aufgelastet hat, mit ans Kreuz. Unsere Gottlosigkeit. Unsere Schuld. Unser Leid. Unser Elend. Unsere Trauer. Er schleppt all unsere Lasten ans Kreuz. Und stirbt dort schließlich unseren Tod.
Damit aber nimmt er das alles mit in den Tod. Das ist alles erledigt. Das hat alles keine Macht mehr. Das darf uns alles nicht mehr belasten.
Vertrauen Sie sich doch bitte Jesus an! Er hat doch auch für Sie gelitten. Bringen Sie ihm Ihre Schuld. Nennen Sie ihm Ihre Not. Halten Sie ihm Ihre Lasten hin.
Und wenn Ihr Gewissen Sie dann wegen irgendeiner Sache anklagt, dürfen Sie sagen: „Darunter hat Jesus gelitten. Und deshalb ist das jetzt auch erledigt. Er hat's ja mit in den Tod genommen hat. Meine Schuld ist mit ihm gestorben.“
Das ist Vergebung: Dass er unter all dem leidet, was uns belastet, dass er es von uns nimmt, damit wir frei sein und leben können. Leben durch ihn, Leben mit ihm, Leben für ihn.
Ich kenne keinen andern, der das macht. Ich kenne keinen andern, bei dem ich Vergebung finden kann. Keinen andern, der Frieden in mein Herz bringen kann. Keinen andern, der mein Leben heil machen kann. Das tut nur er. Nur Jesus. Jesus, der ganz konkret Mensch geworden ist. Jesus, der nicht über allem blieb, sondern der drunter kam. Jesus, der gelitten hat für mich. Und für Sie. Darauf vertraue ich. Das ist mein Glaube. Dazu bekenne ich mich.
„Gelitten unter Pontius Pilatus.“
Erstellt vor etwa ein Jahr